Bratkartoffeln und Staub – Besuch im Stöffel um 1960

Der Stöffel-Park steht für Basaltabbau der Firma Adrian im 20. Jahrhundert. Auch Dr. Sylvia Schwab, geborene Adrian, hat den Westerwälder Betrieb als Kind kennengelernt und hängt vielleicht aus diesem Grunde bis heute an ihm. Sie ist außerdem Mitglied des Stöffelvereins. Freundlicherweise hat sie ihre Erinnerungen aus der Sicht des kleinen Mädchens von damals für den Stöffel-Park niedergeschrieben. Einige kleine Ergänzungen haben Zeitzeugen noch eingefügt.

Sylvia Schwab: „Meine Erinnerungen an den Steinbruch am Stöffel“

Ich wurde 1953 geboren, war also kein echtes Nachkriegskind mehr. Prägend für meine Kindheit war nicht nur das behütete Aufwachsen in Oberkassel am Rhein, nachhaltig beeindruckt haben mich auch die regelmäßigen Autofahrten in den Westerwald über Hachenburg nach Enspel.

Diese Erinnerungen beziehen sich ungefähr auf die Jahre 1960 bis 1965. Mein Vater Wolfgang Adrian nahm uns Kinder Eberhard, Sylvia und Nicola gerne mit zum Steinbruch am Stöffel. Manchmal blieben wir auch über Nacht und schliefen im Haus von Agnes Bellinghausen, das auch zur Firma gehörte und gleich am Anfang des Dorfes lag. (Das Fachwerkhaus existiert übrigens noch. Das „Haus Adrian“ befindet sich in der Nistertalstraße 2.)

Die besten Bratkartoffeln der Welt

„Fräulein Agnes“ wohnte im ersten Stock – eine steile Stiege hinauf, die die kräftige Mieterin des Erdgeschosses, die mit ihr verwandt war, nur rückwärts herunter gehen konnte – in einer gemütlichen kleinen Wohnung. Vorne schaute man auf die wenig befahrene Straße, hinten und zur Seite auf die Felder. Ich erinnere mich noch genau, wie ich morgens oft vom Tuten eines Schienenbusses oder der Glocke am Bahnübergang geweckt wurde.

Gerne erinnert sich Sylvia Schwab geb. Adrian an ihre Besuche im Stöffel in ihrer Kindheit. 

Agnes Bellinghausen war die Tochter des früheren Betriebsleiters Wilhelm Bellinghausen. Sie war ledig und unglaublich fröhlich und beliebt. Ich mochte sie sehr, auch weil sie, wie mein Vater sagte, die besten Bratkartoffeln der Welt zubereitete. Sie machte im Betrieb die Buchhaltung, und wenn mein Vater tagsüber in Besprechungen mit dem Betriebsleiter Oswald Wengenroth und dem Büroleiter Alois Wörsdorfer saß oder im Gelände unterwegs war, saß ich bei „Fräulein Agnes“ im Büro und malte oder schrieb, durfte Briefmarken auf Briefe kleben oder „wichtige“ Dinge zählen. Manchmal durfte ich auch – freitags – neben ihr stehen, wenn sie an einem Tresen, der in die Bürotür eingebaut war, die kleinen braunen Gehaltstüten ausgab.

Der Schnee war grau vom Staub

Das Bürogebäude – in dem heute die Verwaltung des Stöffel-Parks untergebracht ist  – war altmodisch eingerichtet mit schweren Schreibtischen, auf denen hölzerne Schalen für die Schreibutensilien, Flaschen mit Kleber und kleine Kistchen mit Büroklammern standen. Es roch nach Putzmitteln und Staub, war geräumig und hell durch große – immer schmutzige – Fenster. Es hat sich, soweit ich gesehen habe, bis heute kaum verändert, solch einen schweren alten Büroschreibtisch mit Schubladen rechts und links habe ich später geerbt und liebe ihn sehr.

Der Schmutz bzw. Staub am Stöffel und auch im Dorf blieb immer ungewohnt für mich. Im Winter war der Schnee grau vom Staub der Brecheranlagen und Förderbänder, im Sommer legte sich der Staub zentimeterdick auf alles im Gelände und drang durch Türen und Ritzen ins Bürogebäude wie in die Häuser des Dorfes ein. Soweit ich weiß, kam zum üblichen Lohn für die Arbeiter eine Staub-Zulage und die Frauen von damals tun mir noch heute leid wegen ihrer nie endenden Hausarbeit mit Putzen und Waschen.

Der blonde Junge, der hier im Stöffel kräftig anpackt, ist Eberhard Adrian, der Bruder von Sylvia Schwab. 

Das Schönste für mich bei meinen Besuchen am Stöffel war aber, wenn ich mit meinem Vater oder Agnes Bellinghausen im Steinbruchgelände herumlaufen durfte. Ich weiß noch genau, wie ängstlich und fasziniert zugleich ich im ohrenbetäubenden Lärm der Vorbrecheranlage in die krachende Tiefe schaute, wie das ganze Gebäude schepperte und schwankte, wenn riesige Gesteinsbrocken von oben hinunterrutschten und krachend zerplatzten.

Gefährliche Sprengungen 

Wie Männer mit langen Stangen und Haken – auf den Brocken stehend – diese versuchten zu drehen, wenn sie festhingen. Und wie sehr mich die großen Bagger beeindruckten oder die Loren auf dem Bremsberg. Manchmal durfte ich mitfahren mit einem Lkw. Und es gibt auch ein Foto von meinem Bruder Eberhard und mir auf der kleinen Lok unten am Gleisanschluss des Betonsteinwerks.

Spannend wurde es zur Mittagszeit. Um 12.00 Uhr heulte eine Sirene mehrere Male, das Zeichen für die Sprengungen. Ich wünschte mir immer, mal ganz nah dabei sein zu dürfen, aber das war streng verboten. Am Nachmittag durfte ich mir dann – in Begleitung eines Erwachsenen – die neuen Steinhaufen auf den drei Sohlen anschauen.

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie hoch der Stöffel damals war. Der Basalt wurde gleichzeitig auf drei Sohlen abgebaut, der Berg sah aus wie eine riesige, dreistufige Treppe, die oben an der Kuppe mit Bäumen bestanden war. Ich erinnere mich noch an die kleinen Unterstände der Männer, die das Pflaster schlugen, weiß aber nicht genau, ob das Anfang der 1960er-Jahre noch gemacht wurde. Eigene Erinnerungen und der Eindruck alter Fotos vermischen sich da unzertrennlich.

Kleine Sammlerin auf der Suche nach Schrott und Schlüsseln

Am meisten machte es mir Spaß, Alteisen zu sammeln. Überall konnte man, wenn man aufmerksam durchs Gelände ging, kleine Schrottteile finden. Verrostete Schrauben und Muttern, Blechstücke oder Werkzeugteile. Was ich fand, durfte ich in einem dicken Pappkarton mit nach Hause nehmen und dem Schrotthändler verkaufen.

Der fuhr damals noch mit seinem dreirädrigen Auto durch die Straßen von Oberkassel, kündigte sich mit dem Ausruf „Lumpen, Eisen, Papier“ an und läutete dabei eine dicke Messingglocke vorne am Auto. Ein besonders ergiebiges Gelände für die Schatzsucherin war der Bremsberg, auf dem damals noch zwei Züge mit Loren fuhren. Mit einem Stahlseil verbunden, das oben über eine waagerechte Rolle lief, zogen die voll beladenen, abwärts fahrenden Loren die leeren den Berg hoch.

Verwegen: Sylvia Adrian auf der Suche nach dem Schatz – im Stöffel. 

In der Mitte gab es eine Ausweichstelle, ins Gleisbett durfte ich natürlich nur, wenn ein Erwachsener dabei war. Unten, am Ende des Gleises, wurden das Gestein ausgekippt und entweder im Betonwerk weiterverarbeitet oder mit der Bundesbahn abtransportiert.

Noch ein zweites „Hobby“ bescherte mir der Stöffel – wie wir den Steinbruch abgekürzt zu Hause nannten. Ich sammelte die kleinen runden Metallmärkchen mit den eingestanzten schwarzen Zahlen, die die Steinhauer an die von ihnen gefüllten Loren festmachten. Und ich sammelte alte Schlüssel, die ich ab und zu geschenkt bekam. Es ist schon komisch, wie sehr man sein Herz als Kind an so kleine, nutzlose Dinge hängen konnte!

Von Liebe und Ehrfurcht geprägt 

Was mir die Besuche mit meinem Vater am Stöffel hinterlassen haben, ist eine Liebe zu den Steinen, eine große Ehrfurcht vor den mir gigantisch erscheinenden Maschinen und das Interesse an technischen Zusammenhängen und an allem, was sich dreht wie Zahnräder, Laufrollen oder Förderbänder.

Unvergesslich sind natürlich auch die Fahrten von Oberkassel nach Enspel und zurück im VW-Käfer, auf denen ich meinen Vater ganz für mich alleine hatte und mir im Gespräch mit ihm ziemlich erwachsen vorkam. Kleine Reisen, die so eindrückliche Spuren hinterließen, dass wir den 100. Geburtstag unseres Vaters (in memoriam) im vergangenen November mit drei nachfolgenden Generationen nur an einem Ort wirklich mit Überzeugung und Freude feiern konnten: am Stöffel.

– März 2020 – 

(Fotorechte an den Schwarz-Weiß-Bildern: Sylvia Schwab; ein Foto von Tatjana Steindorf)